Ja, wir haben es getan, wir haben uns einer Tour angeschlossen. Und es hat sich gelohnt, denn das was wir zu sehen bekommen haben, hätten wir auf eigene Faust niemals erreichen können. Gut, mit eigenem Geländewagen, mit GPS, mit einer guten topographischen Karte (Hahaha! In Bolivien!)… Vielleicht! Nein, die Tour hat uns immer wieder staunen lassen und uns total begeistert.
Zunächst treffen wir uns mit Heidi und Mirco in La Paz, zeigen ihnen, was wir von der Stadt schon kennen und verbringen ein paar schöne Tage zusammen. Wir gehen abends gut essen und unterhalten uns gut. Und wir verschicken mal wieder ein Paket. Ein wundervolles Erlebnis, wenn ich irgendwann mal wieder ein Paket versenden möchte, ich glaube, ich fahre dafür nach La Paz. Wir gehen zur Hauptpost, bewaffnet mit zwei Paketen, eins für Conny, die ein paar Einkäufe in La Paz nicht gemacht hat, und eins für uns, mit dem wir unsere Fänge heim schicken wollen. Es geht in den Keller der eher schmucklosen Post. Dort ist das Paketbüro und drin eine ältere Frau, die mit pausenlosem Geschnatter und viel Freundlichkeit sofort aktiv wird. Ich werde wieder nach oben geschickt, zwei Passkopien machen lassen. Ich habe schon Befürchtungen, jetzt würde die Bürokratie noch erbarmungsloser als in Salta zuschlagen, aber das ist es auch schon fast. Als ich wieder runter komme, steht Susi dort mit der Postfrau und beobachtet, wie unsere Päckchen fachfraulich in blaue Plastikbahnen eingenäht werden. Wir müssen ein paar Adresszettel ausfüllen, die werden aufgeklebt und ebenfalls kräftig mit Klarsichtfolie überzogen. Als Absender müssen wir unsere Adresse in Deutschland angeben, was beim größeren Paket gleich mit dem Empfänger ist, nur der Name ein anderer. Und fett muss an die Seite: „Do not return to Bolivia“ geschrieben werden. So schöne Pakete haben wir noch nie gehabt, das Eingenähte übersteht jede Schifffahrt und jeden noch so rauen Flugzeugtransport. Dazu die immer munter auf uns einzwitschernde, sehr freundliche Frau von der Post. Wir sind richtig begeistert.

Montag sind wir noch mit Heidi und Mirco bei einer Reiseagentur, die die Uyunitouren auch mit Endpunkt in San Pedro, in Chile anbieten. Wir wollen dort hin, die anderen beiden zurück nach Uyuni und La Paz. Es klappt, uns wird versprochen, dass wir trotzdem zusammen fahren können. Wir werden halt an der Grenze raus geworfen, dort von den Chilenen aufgesammelt und die anderen beiden fahren normal zurück nach Uyuni. Dienstag geht dann die Reise los, wir fahren mit dem Bus nach Oruro, haben uns vorher entschieden, dort nicht zu übernachten, was sich vor Ort als gute Idee heraus stellt, denn das Städtchen sieht weder nett aus, noch scheint dort irgendetwas los oder interessant zu sein. Dreieinhalb Stunden Busfahrt, in Oruro kurz Mittagessen, dann geht unser Zug nach Uyuni. Endlich mal wieder mit dem Zug reisen. Ebenfalls eine gute Entscheidung, denn die Straße, die neben der Bahnstrecke verläuft, ist eine Katastrophe. Reine Staubpiste, tiefe Schlaglöcher, nichts für eine geruhsame nächtliche Busfahrt. Gegen half elf abends sind wir dann dort. Direkt gegenüber vom Bahnhof gibt es zwei Hotels, in einem werden wir mit zwei Zimmern fündig. Noch kurz um die Ecke auf einen Absacker, und eine weite, aber sehr angenehme Reise findet ihr Ende. Morgen soll es los gehen, wir sind gespannt.
Mittwoch früh finden wir uns also beim Büro von Colque Tours in Uyuni ein, um elf geht es los. In der Agentur herrscht hektische Betriebsamkeit, insgesamt kommen sechs große Toyota Landcruiser mit je sechs Personen zusammen. Wir fahren mit Heidi, Mirco, einer Frau aus Sao Paulo sowie einem Israeli zusammen. Das Gepäck wird aufs Dach geladen, wir bekommen Schlafsäcke und starten zu unserer ersten Station, etwas außerhalb von Uyuni, einem Eisenbahnfriedhof. Mitten in der Wüste stehen alte, verrottende Dampfloks und Eisenbahnwagen. Eine merkwürdige Szenerie, ein Haufen Schrott, gammelt im Sand und Staub vor sich hin. Auf dem Weg zurück im Städtchen wird unser Essen eingeladen. Weiter geht es zum großen Salzsee, dem Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Erde. Am Rand des Sees sind Salzhaufen, die dort abgebaut werden, in einem Dorf am Rand des Salars wird gezeigt, wie die Salzgewinnung passiert. Erst wird das Salz abgebaut und an der Luft getrocknet. Es folgt ein zweiter Schritt zum Trocknen auf einer heißen Steinplatte, dann wird gemahlen, jodiert, verpackt und die Plastiktüten mit fertigem Küchensalz über dem Feuer zugeschweißt. Es stinkt ziemlich nach verbranntem Plastik, Arbeit für Kinder. Wir fahren weiter auf den Salzsee, so weit man gucken kann nur Salz, alles komplett flach. In der Ferne taucht ein Haus mitten auf dem Salar auf, ein illegal errichtetes Salzhotel, heute still gelegt und nur noch als Museum in Betrieb. An allen Stationen bisher, und das soll die nächsten drei Tage so bleiben, sammeln sich etliche Tourgruppen, immer in den gleichen Autos, immer mit sechs Personen besetzt. Wir zählen teilweise dreißig Geländewagen. Wir fahren weiter, eine Stunde über den See, in der Ferne eine Insel, sie sieht aus, als würde sie in der Luft schweben und sich spiegeln, optische Täuschung. Hier machen wir Mittagspause, Andres, unser Fahrer, tischt Salate und Fleisch auf. Danach bekommen wir noch eine Stunde Zeit, die Insel zu erklimmen und haben von oben einen tollen Blick. Rund um uns herum ist alles weiß, weit am Horizont ein paar Berge, in manche Richtungen kann man aber das Ende des Salars nicht sehen. Nach unserer Pause müssen wir uns beeilen, wir benötigen noch eine Übernachtungsmöglichkeit. Nach mehreren Fehlversuchen direkt am Rand des Salzsees müssen wir weiter fahren, in ein kleines Dorf namens San Juan. Dort findet Andres dann Zimmer für uns. Wir haben Glück und bekommen noch zwei Doppelzimmer und müssen so nicht im Schlafsaal pennen. Wir können noch etwas im Dorf herum laufen, sehen Lamas ganz aus der Nähe, abends gibt es etwas zu essen und dann bald ins Bett, am nächsten Morgen ist Aufstehen um sieben Uhr angesagt.




Donnerstag, sieben Uhr, alle sind pünktlich aus den Federn. Andres, unser Fahrer hat wie gestern noch heftige Zahnschmerzen, Susi und Heidi dopen ihn munter mit Schmerzmitteln, das hilft einigermaßen. Er verspricht Heidi, am Mittwoch nach der Rückkehr nach Uyuni gleich zum Zahnarzt zu gehen. Ich halte das für Quatsch. Die erste, kurze Station ein weiterer, kleiner Salzsee, nach dem Salar de Uyuni nicht sonderlich spannend. Spannender ist für die meisten Touris eher Fotos auf den daneben her führenden Eisenbahnschienen zu machen. Auch ich spiele Castorblockierer und lege mich für ein Foto quer drauf. Dies ist nur ein kurzer Stopp, weiter geht es zu vom Wind geformten Gesteinsformationen und dem Vulkan Ollagüe, der Vulkan ist noch aktiv und raucht im Hintergrund schön. Mittlerweile sind wir auch schon von gut 3.600 (Salar) auf mehr als 4.200 Meter geklettert, die Luft wird spürbar dünner. Die Mittagspause findet heute an einem See, dem Chiar Khota statt. Hier bekommen wir die ersten Flamingos zu sehen, tausende der langbeinigen Vögel stehen im Wasser. Reichlich depperte Amis plärren gleich daneben rum und versuchen sie durch Klatschen aufzuscheuchen. Das Essen ist heute Mittag ausnehmend lecker, diverse Salate, schmeckt alles ganz toll. Nach einer guten Stunde Aufbruch, Mirco hat sich mit Dietmar unterhalten, der bisher an jeder Station von seinem Vater in laut-tadelndem Ton gerufen wurde („DIETmar!!! Die Viertelstunde ist vorbei! DIETmar, kommst Du endlich?), er ist nicht zu beneiden, muss aber hier nicht gerufen werden, später dann wieder. Eine weitere Lagune mit Flamingos, die Laguna Hedionda, 4.125 Meter. Hier gibt es eine Ecolodge, weder „Öko“ noch „Lodge“ werden uns klar bei den ärmlichen Häuschen am See. Ab hier geht es jetzt steil nach oben, die Piste wird zu einer weiten Fläche auf der sich jeder selbst seine Spur sucht oder macht. Wir überqueren den Paso del Inca, auf rund 4.800 Meter Höhe. Ein kurzes Aussteigen genügt hier, zu sehen gibt es nicht viel außer tollen Bergen um uns rum. Unser israelische Mitreisender macht uns etwas Sorgen, er ist ziemlich blass um die Nase, er sagt, ihm geht es gut, wir können das nicht wirklich glauben. Passieren wird aber während der Tour nichts mit ihm, es geht alles glatt. Kurz hinter dem Pass, immer noch auf gut 4.700, der Arbol de Piedra, Gesteinsformationen, die manchmal wie Bäume geformt sind, der Wind hat hier ganz tolle Kunstwerke geschaffen. Wir klettern etwas drauf rum, diesmal werde ich von Susi ermahnt, nicht zu waghalsig zu werden, bei der Höhe kann es einen schnell mal drehen. Weiterfahrt, am Nachmittag erreichen wir die Laguna Colorada, hier werden wir übernachten. Als erstes beziehen wir unser Sechs-Bett-Zimmer, es wird schnell klar, hier wird es heute Nacht ziemlich kalt werden, wir sind immer noch auf 4.278 Metern, die größte Höhe in der wir jemals übernachtet haben. Die Lagune hat ihren Namen zurecht wegen ihrer roten Farbe. Rot? Ja, wir können es kaum glauben, der See ist knallrot! Nicht leicht rötlich eingefärbt, nein richtig knallig rot, als wenn jemand beim Bildbearbeitungsprogramm auf eine falsche Farbe gedrückt hat. Doch hier ist keine Schummelei im Spiel, wir sehen das ja direkt vor uns, und auch das Abnehmen der Sonnenbrille bringt dasselbe Ergebnis: Dieser See ist rot und in ihm stehen tausende rosa Flamingos. Wir unterhalten uns darüber, dass uns das keiner glauben wird und wenn wir Fotos zeigen werden, wird jeder „Photoshop“ sagen. Wir bereiten uns auf die sehr kurze Nacht vor, morgen werden wir um vier Uhr geweckt werden. Es gibt Essen, zum Glück war unser Mittagessen gut und reichhaltig. Die Betreiber des Refugios bekommen entweder nicht genug Geld von den Tourveranstaltern oder sind geizig bis über den Hals: Nudeln mit einer Soße aus Zwiebeln und Dosentomaten. Es schmeckt grausig, nach rund der Hälfte reicht es mir, ich habe heute noch, vier Tage später, den ekligen Geschmack im Mund, wenn ich daran denke. In unserem Schlafsaal wird es in der Nacht natürlich entsprechend duften, wir haben gar keine Lust, ins Bett zu gehen. Wir spielen zu viert noch Karten, Susi und Heidi denken darüber nach, durch zu machen. Mirco und ich können sie davon abbringen. Irgendwann wird das Holz für den Ofen zur Neige gehen, eigentlich ist schon alles verbrannt, als wir ins Bett gehen, und dann wird es schweinekalt werden. Minusgrade sind angesagt und die Isolierung der Hütte besteht aus einem Wellblechdach. Wir gehen also gegen zehn, halb elf schlafen. Ich komme nicht zur Ruhe, die Höhe, die dünne Luft, die vielen Erlebnisse der letzten Tage, der Ärger über den Schlagenfraß, neben mir schnarcht jemand hin und wieder, vielleicht schlafe ich in dieser Nacht zwei Stunden.




Freitag, das Aufstehen klappt um vier Uhr morgens noch nicht so richtig, wir beschließen einfach, dass wir erst aus den Federn kriechen, wenn Andres uns wecken kommt. Er hatte sich am Abend vorher gar nicht mehr blicken lassen, keine Informationen für den Morgen mehr durchgegeben, vielleicht kann er ja gar nicht fahren. Er muss, sonst kann er seinen Job vermutlich an den Nagel hängen. Nach einer halben Stunde kommt er, weckt uns, sagt dass wir los fahren. Packen, Zähne putzen, los geht’s. Es ist schweinekalt! Zwei Pullis, eine Regenjacke, ich friere wie bescheuert. Toll, dass die Heizung in unserem Auto nicht funktioniert, hilft also auch nicht. Wir kommen zu Geysiren, überall brodelt und dampft es. Ich steige kurz aus, halte meine kalten Füße über einen künstlich geschaffenen Dampfstrahl, aber dann wieder ins Auto. Geysire hab ich schon mal auf den Azoren gesehen, alle anderen sind total begeistert. Die zweite Station bringt uns zu einem Pool mit warmen Quellen. Drin sitzen zig Touris in Badehosen und Bikins. Andres fragt, ob wir auch baden wollen. Wollen wir nicht. Dazu müsste man sich ausziehen, Badesachen an und dann da rein und vor allem danach wieder raus in die Kälte. Ne, lass mal. Neben dran liegen Eisplatten auf dem Boden. In einem See daneben, Flamingos, mittlerweile nichts besonderes mehr. Wir fahren weiter zur Laguna Verde, die wird ab ca. elf Uhr grün werden, wir sind aber zu früh, haben ja nicht gebadet. Weiter geht es zur Laguna Blanca, ein See, der weißlich schimmert, hier gibt es Frühstück. Aber was machen die Betreiber des kleinen Restaurants? Haben einen Ofen im Esszimmer stehen und machen den nicht an. Es ist immer noch schweinekalt, draußen kommt die Sonne langsam durch, es ist also draußen wärmer als im Haus. Ich bin immer noch muffelig, weil ich friere. Unsere Reise durch Bolivien neigt sich dem Ende entgegen, die nächste Station ist die Grenze zu Chile. Grenze? So etwas habe ich noch nie gesehen. Rund 4.700 Meter Höhe, zwei Häuser. In einem ist der bolivianische Grenzposten untergebracht, im anderen wohnt der Grenzer mit seiner Familie. Es gibt einen Schlagbaum und auf der anderen Seite ein Schild „Republica de Chile“, mit Schusslöchern. Hier endet unsere gemeinsame Reise mit Heidi und Mirco, wir lassen uns aus stempeln, sind jetzt offiziell nirgendwo. Das Gepäck wir abgeladen, hier müssen wir auf den Bus von Colque Tours aus San Pedro de Atacama in Chile warten. Die anderen fahren wieder weg, zurück nach Uyuni. Abschiedsszenen, wir werden uns in Mittelfranken wieder treffen. Nach rund einer Stunde kommt der Bus von der anderen Seite, der Kulturschock beginnt. Im Radio des Busses läuft europäische Popmusik, der Busfahrer spricht hervorragend Englisch, sagt, wir sollten ruhig tanzen. Lebensfreude, wie wir sie in Bolivien nicht ein einziges mal erlebt haben. Wir müssen noch auf weitere Touren warten, als alle da sind, geht es los Richtung San Pedro, dort wird die Einreise für Chile gemacht. Unmittelbar hinter dem Schlagbaum eine befestigte Erdpiste, so eine gute Straße hatten wir während der gesamten Tour nicht. Aber es kommt noch besser, nach acht Kilometern kommen wir auf eine richtige Straße, mit Teer oben drauf. Unglaublich. Es geht steil den Berg runter, San Pedro liegt auf knapp 2.500 Metern, wir sehen von den Bergen die riesige, trockene Atacamawüste. Ankunft in San Pedro, Einreise, alles ist wohl geordnet, schließlich gelten die Chilenen als die Deutschen unter den Südamerikanern. Jeder muss sein Gepäck öffnen, es wird nach Lebensmitteln gesucht, streng verboten in Chile einzuführen. Im Zentrum von San Pedro de Atacama endet unsere Tour vor dem Büro von Colque Tours.



Auf der Fahrt von der Grenze nach San Pedro ist Susi aufgefallen, dass sie ihre Brille verloren hat. Wir denken nach und kommen zu dem Schluss, dass sie mit größter Wahrscheinlichkeit im Auto liegt. Der Schlachtplan: Erst Zimmer suchen und beziehen, dann Geld besorgen und danach zu Colque Tours und versuchen, dass Andres die Brille den beiden Andorfern mit gibt. Das Ding war teuer und ein schmerzlicher Verlust. Also zunächst ein Zimmer her. Wir sind kaum aus unserem Bus ausgestiegen, haben wir schon einen Haufen von Zimmervermittlern am Hals, wir nehmen zwei Flyer mit, zwei Häuser, die für San Pedro sehr günstige Preise haben, denn hier soll es so richtig teuer sein. Unsere erste Wahl hat kein Doppelzimmer frei, wir steuern den zweiten Laden an. Auf dem Weg gucken wir uns zwei weitere Unterkünfte an, der eine ist klar zu teuer für uns, der andere, betrieben von einer Französin, macht einen guten Eindruck und sie sichert uns einen guten Preis von 16.000 Peso zu, rund 25 Euro. Der nächste Laden hat wieder kein Doppelzimmer, der danach ist voll, wir gehen zurück zur Französin und ziehen dort ein, scheint alles zu passen. Geld holen, klappt problemlos. Bei Colque Tours sitzt ein engagierter Mensch, er ruft sofort in Uyuni an, sagt denen, dass Andres die Brille suchen und sie dann bei Heidi und Mirco vorbei bringen soll, sie sollen sie mit nach Deutschland nehmen. Er bestellt uns für abends sieben Uhr, sechs Uhr bolivianischer Zeit, wieder zu sich, dann werden die anderen angekommen sein. Wir hoffen. Die Küche unseres Hostels stellt sich als ziemlicher Schrott heraus, wir kochen dort trotzdem leidlich. Ein Gast klärt uns auf, dass der Kühlschrank kaputt ist, immerhin kälter als Außentemperatur. Es ist warm! Richtig warm, so warm wie seit Argentinien nicht mehr, wir laufen wieder in Sandalen, brauchen keinen Pulli mehr. Hurra!!! Unsere Gastgeberin eröffnet uns, dass am Abend ein Konzert sein wird, na toll, es war von einem ruhigen Laden die Rede, wir wollten eigentlich in Ruhe schlafen. Susi checkt uns ein, von den 16.000 Peso will Madame auf einmal nichts mehr wissen, 18.000 ist der Preis, die dumme Sumpfkuh geht uns langsam aber sicher auf den Geist. Diverse Versprechungen, die nach kurzer Zeit nichts mehr wert sind. Außerdem sind wir hier die totalen Außenseiter, es gibt hier fast ausschließlich Franzosen. Uns reicht es, morgen werden wir umziehen. Aber vorher noch zum Colque-Büro, wir kommen dort an und es wird gerade wegen Susis Brille mit Uyuni telefoniert. Ergebnis: Heidi und Mirco haben die Brille und nehmen sie mit nach Deutschland. Schnell den Franken eine Mail schicken und dann feiern gehen! Im Hostel ist sowieso ein doofes Trommeljazzkonzert, die Schnepfe des Ladens geht uns auf den Keks, also ab in eine der vielen Kneipen von San Pedro. Wieder ein Kulturschock! Ein schwuler Kellner, laute Musik, Bar-DJing, eine Frau in Lederweste, selbstbewusste Menschen, schon die Körperhaltung von einigen wäre in Bolivien nicht denkbar. Leute die Party machen, tanzen, so was haben wir in Bolivien nirgendwo gesehen. Chile ist reich, die Leute sorgenfreier als ihre Nachbarn, man merkt es deutlich.
Am nächsten Tag ziehen wir um, wir landen in dem Laden, in dem wir uns zuerst informiert hatten, sie haben jetzt ein Doppelzimmer für uns. Die Tante von der „Rose von Atacama“ macht nicht den Eindruck, als wäre sie sehr traurig, uns los zu sein. Vermutlich steht die genau so auf uns, wie wir auf sie. Nach dem Umzug fällt mir auf, meine Sonnenbrille ist weg. Ein sackteures Rodenstock-Teil mit optischen Gläsern. Ich denke nach, im Internetcafe (Frankreich hatte kein WiFi zu bieten), als wir schnell den Andorfern eine Mail geschickt haben (wegen Susis Brille), habe ich sie auf den Tisch gelegt. Glücklicherweise ist sie dort immer noch, im Schreibtisch vom Betreiber. Wir lernen, dass wir mehr auf unsere Sehhilfen acht geben müssen. Hier sind wir jetzt also, genießen rasend schnelles Internet (ein Tempo wie seit Malaysia nicht mehr), fühlen uns in San Pedro, einem Nest, das den Titel „staubiges Wüstenkaff“ mit Vehemenz verdient, sehr wohl. Denn das Kaff ist nicht nur staubig, in der Wüste und ziemlich klein, es ist auch ziemlich viel los hier. Starke Orientierung Richtung Tourismus macht es möglich. Trotzdem haben wir uns gefragt, wo wir Weihnachten feiern wollen. Hier nicht, dann so lange wollen wir nicht bleiben (zu sehr Kaff). Wir haben uns für La Serena entschieden, an der Küste, ein gutes Stück Richtung Süden. Ein Problem stellt sich aber, der direkte Bus von hier dorthin fährt zuletzt am 21., heute, und er ist ausgebucht. Wir haben also Karten bis in die nächste größere Stadt, Calama, für morgen gekauft. Dort müssen wir dann weiter sehen, dass wir mit dem Nachtbus nach La Serena kommen, ab dem 23. haben wir dort ein Zimmer reserviert. Wird schon klappen.


Apropos Weihnachten: Wir haben erst ein mal, in Uyuni beim Absacker nach der Ankunft, Weihnachtslieder gehört. Es gibt immer wieder mal künstliche Tannenbäume, aber Weihnachtsschmuck auf allen Straßen, wild blinkende Leuchtfeuer wie am Flughafen, Bedudelung rund um die Uhr und an allen Orten? Nichts da. Das, was ich an Weihnachten hasse, dass man dem nicht entfliehen kann, dass man ab Mitte November davon regelrecht verfolgt wird, eben der ganze kommerzielle Mist und der ganze Druck, zu kaufen und ja heilig drauf zu kommen, entfällt hier komplett. Sehr angenehm. So sollte Weihnachten sein, mehr stille Nacht, weniger Coca-Cola-Christmas-Truck. Wir haben beschlossen, uns nichts zu schenken, die Reise ist ein Geschenk, das groß genug ist. Wir werden uns einen gemütlichen Abend machen, an unsere Lieben daheim denken, was leckeres essen und eine Flasche Wein verdrücken. Stille Nacht eben.
Christoph